Geheimwissenschaften
March 5th, 2010 / Author: pagKeine Angst – jetzt kommt keine Esoterik – sondern nur der Einstieg in die “Geschichte der Finanzmathematik”.
Der Anlaß für eine Internet-Recherche war die banale (aber in ihrem möglichen Auswirkungen keineswegs zu unterschätzende) Pressemeldung zum Einstieg von Allianz und Deutscher Bank in die “Verbesserung der wirtschaftlichen Allgemeinbildung an Deutschlands Schulen” und die nachfolgend zitierte, plakative Aussage eines Lehrbuchverlages:
Allianzer und Deutschbanker werden Lehrer
4.3.2010 – Die Finanzkrise könnte eine ebenso überraschende wie positive Folgewirkung haben. Sowohl die Allianz wie die Deutsche Bank haben angekündigt, dass sie ihr Engagement zur Verbesserung der wirtschaftlichen Allgemeinbildung an Deutschlands Schulen massiv verstärken werden.
…
Gestartet werde in Hessen und Bayern, nachdem ein Pilotprojekt bereits im vergangenen Jahr abgeschlossen wurde. Angelegt sei dieses Projekt „auf lange Dauer“, betonte Diekmann.Das dafür erforderliche Lehrmaterial sei „zusammen mit einem anerkannten Bildungsverlag“ erstellt worden und diene zugleich dazu, die Allianz-Mitarbeiter zu schulen, die sich freiwillig für diese Zusatzaufgabe zu Verfügung stellen. Ein Fachbeirat mit unabhängigen Experten werde die Allianz beim weiteren Ausbau dieses Programms unterstützen.
http://www.versicherungsjournal.de/mehr.php?Nummer=103069
Die Finanzmathematik ist zugunsten von mathematischen Themen wie “Lineare Algebra” und “Stochastik” derzeit fast völlig aus der Schulmathematik verbannt. Gleichzeitig ist die Denkweise in finanzmathematischen Kategorien nach wie vor gefragt, auch im Berufsleben.
http://www.aulis.de/items/view/grundlagen-der-finanzmathematik-schullizenz.html?highlight=
Dem folgenden Hinweis auf einen Vortrag von Prof. Dr. H.-J. Girlich verdanke ich, daß ich nach langer Suche im Internet zum Thema “Erziehung zur finanziellen Kompetenz in deutschen Lehrplänen”, einer wahrscheinlichen Ursache für die Lücken im Stoffplan nahe gekommen bin:
Noch im 20. Jahrhundert wurde unter dem Begriff „Finanzmathematik” nur Zins-, Renten- und Tilgungsrechnung verstanden. Die mathematischen Hilfsmittel dazu waren bereits in Simon Stevins „Tafelen van Interest” von 1582 zu finden. Mitte des 17. Jahrhunderts wurden an der Amsterdamer Börse Optionen auf Tulpen gehandelt. Der Handel endete mit einem Crash. Derivative Finanzinstrumente gewannen im 19. Jahrhundert wieder an Fahrt, obwohl sie danach für längere Perioden eingestellt wurden. Erst 1973 mit der Eröffnung der „Chicago Board Option Exchange” und den Optionspreisformeln von Fischer Black und Myron Scholes begann eine stürmische Entwickling der Finanzmärkte. Im Jahre 2000 fand in Paris der erste Weltkongress der „Bachelier Finance Society” statt, 100 Jahre nach der Dissertation „Théorie de la Spéculation” von Louis Bachelier.
Dazu schrieb der oben erwähnte Simon Stevin schon vor mehr als vierhundert Jahren:
Quelle: ‘Magic Is No Magic’: The Wonderful World of Simon Stevin
Aber auch heute noch ist Finanzmathematik eher eine Geheimwissenschaft – denn Profis wissen, daß die alleinige Kenntnis der Bedienelemente eines Taschenrechners oder einer Tabellenkalkulation keineswegs ausreichend ist, komplexe Finanzinstrumente in ihren Auswirkungen oder ihren Anwendungsmöglichkeiten zu verstehen.
Was sollte also ausgerechnet jetzt die Allianz und Deutsche Bank dazu motivieren, ihr “Herrschaftswissen” weiterzugeben?
Denn die Lücken in den Lehrplänen könnte man wohl ganz schnell auch ohne “Sponsoren” schließen – wenn man denn wollte.
Es scheint also, daß die Lippenbekenntnissen zu besserer Ausbildung nur vorgeschoben sind und kultusministerielle Wasserträger rekrutieren sollen, die man als unverdächtige “Gestalter” der Lehrpläne vorschieben kann.
Nun steht wohl bald auch “Aktiesy” auf dem Lehrplan – und die “Freiwilligen” der Allianz dürfen sich über ein halbes Prozent mehr Bestandsprovision freuen …
-pag
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